Stasi-Häftlinge im Gespräch mit Schülern/Alarmierende Studie

verfasst von Manfred Willi Lerch, 18.06.2008, 13:12

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GESCHICHTE: „Ich leide immer noch“

Ehemalige Stasi-Häftlinge im Gespräch mit Schülern /Alarmierende Studie


WERDER/Havel - Als der Abspann über die Leinwand flimmert und ein
Schauspielername nach dem anderen aufgelistet wird, ist es vollkommen
still im Saal: 220 Schüler aus den Gymnasien von Werder und Michendorf
füllen die Sitzreihen des Werderaner Scala-Kinos.

Einigen von ihnen hat die Handlung des Oscar-prämierten Spielfilms „Das
Leben der Anderen“ die Sprache verschlagen – so dramatisch,spannend
und historisch detailliert wurde hier die Stasi-Bespitzelung des fiktiven
Theaterautors Georg Dreymann geschildert, dessen künstlerisches und
privates Leben dadurch aus den Fugen gerät.

Erst nach einigen Minuten beginnen die Jugendlichen Fragen zu stellen.

Die Präsentation des Films diente als Grundlage für eine Diskussion mit
den Zeitzeugen und ehemaligen Stasi-Häftlingen Dieter Dombrowski
und Mario Falcke.


„Leider wird das Bild der DDR heute immer noch verklärt“, sagt
CDU-Landtagsabgeordnete Saskia Funck, die das Projekt initiierte
und damit eine Veranstaltungsreihe an brandenburgischen Schulen
starten will.

So soll an insgesamt sieben Orten unter dem Motto
„Campus Tour – Das Leben der Anderen“ der Kinofilm
mit anschließender Zeitzeugen-Diskussion gezeigt
werden.

Auslöser für die Projektreihe war eine von der Freien Universität Berlin
durchgeführte Studie zum DDR-Bild von Schülern in Deutschland.

Das alarmierende Ergebnis: Mehr als 70 Prozent der märkischen
Schüler konnte die Hälfte der Fragen nicht richtig beantworten.

Lediglich 54 Prozent kannten das Jahr des Mauerbaus.

Nur jeder Dritte wusste, dass die DDR die Mauer gebaut hatte.

Um diese Wissenslücken zu füllen war zusätzlich der stellvertretende
Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen eingeladen.

Dieser berichtete: „250 000 politisch Gefangene gab es in der DDR.

Sie wurden vollkommen isoliert in einer Zelle gehalten, psychisch gefoltert.“
Kurz darauf schnellt aus den hinteren Sitzreihen die Hand eines Schülers in
die Höhe. „Warum wollten Sie aus der DDR flüchten“, fragt er den ehemaligen
Häftling Dieter Dombrowski. „Da gibt es viele Gründe“, erwidert dieser.


„Ausschlaggebend war für mich, dass meine Mutter, die in West-Berlin
wohnte, einen Herzinfarkt erlitt und ich keine Ausreisegenehmigung bekam.“

Wegen versuchter Republikflucht wurde er schließlich für vier Jahre
verhaftet. „Ich lebte mit 27 Gefangenen in einer 40-Quadratmeter-Zelle,
wir hatten keinen Speiseraum, die Toilette war nur notdürftig abgetrennt“,
berichtet er. Auch eine ordentliche medizinische Versorgung habe es nicht
gegeben.

Mario Falcke musste eine mehrjährige Freiheitsstrafe verbüßen, da er
Mitglied einer kirchlichen Friedensbewegung war. „Mir fällt es nicht
leicht, diesen Film anzusehen. Ich leide immer noch unter den Folgen
der Haft“, sagt er nach der Vorführung.

Schüler Carl-Friedrich Richter imponiert die Offenheit der Zeitzeugen.

„Man bekommt durch ihre Erfahrungen ein unmittelbares Bild“, sagt er.

„In der Schule haben wir nur oberflächlich über die DDR gesprochen.“

Von Anne Mareile Moschinski


Quelle: http://www.maerkischeallgemeine.de

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