Nach jedem Fernsehauftritt geht das wieder los

verfasst von defiance, 04.11.2015, 02:20

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27.10.2015 12:00

"Nach jedem Fernsehauftritt geht das wieder los":

Wie die Stasi Journalisten verfolgte

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Ellen Thiemann

Im Fall der Spitzelvorwürfe gegen Mitglieder des Deutschen Journalisten Verbandes (DJV) haben sich nun Journalisten zu Wort gemeldet, die von der Staatssicherheit der DDR und der SED-Diktatur verfolgt und inhaftiert wurden.

Ellen Thiemann (Foto) sagte gegenüber kress.de:
"Wer mit diesen Vorwürfen konfrontiert wird, muss sofort zurücktreten.
Solche Leute haben in öffentlichen Ämtern nichts zu suchen."

Seit Wochen dominiert das Thema Stasi im Deutschen Journalisten-Verband: Der heutige DJV-Berlin-Vorsitzende Bernd Lammel wurde von der Stasi als "IM Michael" geführt. "IM Michael" berichtete laut Unterlagen der Jahn-Behörde aus Treffen mit dem britischen Botschafter, seine Ziele waren Journalisten und Künstler, auch Fotokonzerne und der Ullstein-Bilderdienst. Lammel erklärte erst Wochen nachdem rbb-Investigativjournalistin Gabi Probst den Fall zuerst publik gemacht hatte in einer Stellungnahme an die Mitglieder des DJV Berlin: "Ich habe niemals für das MfS gearbeitet oder mich bereit erklärt, diesem Informationen zu liefern." Der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken hatte zuvor Lammel ausdrücklich aufgefordert, sein Amt ruhen zu lassen. Der angesehene DDR- und Stasi-Experte Jochen Staadt forderte vehement Lammels Rücktritt, klare Worte fand auch Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen im ehemaligen zentralen Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit.
Stasi-Opfer: "Wer mit Vorwürfen konfrontiert wird, muss sofort zurücktreten"

Ellen Thiemann sieht die Rücktritte als einzig richtige Konsequenz an: "Wer mit diesen Vorwürfen konfrontiert wird, muss sofort zurücktreten. Solche Leute haben in in öffentlichen Ämtern nichts zu suchen." Diese Denunzianten hätten Familien und Existenzen zerstört. "Lediglich bei Jugendlichen sind Ausnahmen angebracht", sagt sie.

Thiemann wächst in der DDR in einer Journalistenfamilie auf. Auch ihr heutiger Ex-Mann arbeitet nach dem Ende seiner Sportlerkarriere für die Presse der DDR. 1963, Im Alter von 26 Jahren, steht für Thiemann die Beförderung zur Chefredakteurin eines Ost-Blattes an. Die Bedingung: Sie muss den Kontakt zu ihrem Bruder abbrechen, der zuvor in den Westen geflohen war. Doch Thiemann weigert sich. Neun Jahre später scheitert ihr Versuch, in den Westen zu fliehen. Drei Jahre und fünf Monate verbringt sie daraufhin im Gefängnis, zweieinhalb Jahre davon im Frauengefängnis Hoheneck im sächsischen Stollberg. Schließlich kommt sie 1975 nach Vermittlung durch DDR-Star-Anwalt Wolfgang Vogel frei und darf ausreisen. Später erfährt sie, dass einige ihrer engsten Vertrauten aus ihrer DDR-Zeit über sie an die Stasi berichtet haben. Noch heute leidet sie unter Einschüchterungsversuchen: "Nach jedem Fernsehauftritt, den ich habe, geht das wieder los", sagt die 78-Jährige.
Stasi hat am "Roten Kloster" gewildert

Thiemanns Geschichte ist kein Einzelfall: Christian Booß arbeitet als Projektkoordinator für den Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatsicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU). Einer seiner Forschungsschwerpunkte liegt auf dem Verhältnis von Staatsicherheit und Medien. Er kennt viele Fälle von Journalisten, die in der DDR nicht Fuß fassen konnten: "In inhaltlichen Fragen darf man den Einfluss der Stasi auf die DDR-Presse zwar nicht überschätzen", sagt er. Das hätten die SED und die ihr unterstellten Presseämter schon selber besorgt. "Die Stasi hat freilich an bestimmten Vorgängen Interesse gehabt, an verfänglichen Druckfehlern oder an staatskritischen Leserbriefen", sagt er.

Da habe es meist in Redaktionen Personen gegeben, die ihr zugearbeitet haben. "Weil DDR-Journalisten viele Kontakte hatten und teilweise in den Westen reisen durften, hat die Stasi sie auch gerne genutzt, um Westbürger oder DDR-Sportler bei internationalen Wettkämpfen auszukundschaften", sagt er. Das Ministerium für Staatssicherheit habe deshalb auch in Leipzig an der Karl-Marx-Universität, wo die Journalisten ausgebildet wurden, geradezu gewildert. Der Grund: Die Uni unterstand nicht der Staatssicherheit, sondern der Abteilung Agitation und Propaganda des Zentralkomitees der SED. Sie trug auch deshalb den Spitznamen "Rotes Kloster".

"Die Journalisten, vor allem der wichtigen SED-Zeitungen, wurden von verlässlichen Redakteuren oder der Partei ausgesucht. Aber die Stasi wurde oft um eine Einschätzung gebeten: Hat jemand Westkontakte? Hegt jemand einen Ausreisewunsch? Solcherlei Erkenntnisse konnten schnell zu einer Karriereverkürzung führen", sagt Booß.

Florian Engels reist 1981, mit 22 Jahren, als westdeutscher Reporter in die DDR. Auf seiner dreiwöchigen Reise macht er viele Fotos, führt Tagebuch und Interviews. Zwar arbeitet er ohne Auftrag, jedoch hat er bereits für das Nachrichtenmagazin "stern" geschrieben. Als er an der Grenze bei Coburg zurück in den Westen fahren will, wird sein Auto durchsucht und ihm wird vorgeworfen, mit seinen Recherchen der DDR schaden zu wollen. Als Beweise dienen sein Presseausweis, einige Filme, sein Tagebuch und seine Schreibmaschine. Er wird festgenommen und kommt in das berüchtigte Stasi-Gefängnis in Berlin Hohen-Schönhausen in Untersuchungshaft. Immer wieder wird er verhört, zwischen zwei und zwölf Jahren Freiheitsentzug stehen ihm nach DDR-Gesetz bevor. Die Haft ist zermürbend: "Irgendwann wollte ich nur noch, dass die sich endlich entscheiden, wie lange ich ins Gefängnis muss", sagt Engels.

"Es darf kein Schatten auf den Verband fallen"

Auch seinen Fall übernimmt schließlich DDR-Anwalt Vogel. Engels Verfahren wird eingestellt; er kommt nach drei Monaten frei. Bis nach dem Mauerfall reist er nie wieder länger in den Osten, benutzt höchsten die Transitautobahn. Heute arbeitet er als Pressesprecher für das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport in Brandenburg. Über die Vorwürfe gegen die DJV-Funktionäre sagt er: "Ich kenne manche Biografien von früher und fälle deshalb nicht sofort ein Urteil. Jeder Einzelfall sollte aber begutachtet und aufgeklärt werden. Es darf kein Schatten auf den Verband fallen." Dabei steckt der Verband schon in seiner stärksten Krise der vergangen 20 Jahre.

Engels Position ähnelt der des DJV.

Der Verband versprach im Anschluss an eine Sitzung des Gesamtvorstandes in Kassel in einer Pressemitteilung die Überprüfung aller seiner Funktionsträger: "Die Verantwortlichen auf allen Ebenen im DJV sollten sich an die Stasi-Unterlagenbehörde wenden und Auskunft über möglicherweise vorhandene Akten verlangen. Der DJV-Gesamtvorstand legt Wert darauf, dass alle DJV-Repräsentanten, also auch in Westdeutschland, eine Unbedenklichkeitsbescheinigung der Stasi-Unterlagenbehörde vorweisen können", heißt es in der Mitteilung vom 14. September dieses Jahres.

Tatsächlich wurden auch westdeutsche Journalisten immer wieder von der Stasi kontrolliert: "Das Ministerium für Staatssicherheit hat Journalisten nur ungern im Land geduldet. Es hat damals versucht, die Arbeitsmöglichkeiten der westdeutschen Korrespondenten stark zu begrenzen", sagt Booß. Reisen hätten beim Außenministerium angemeldet werden müssen. Die Gesprächspartner der Journalisten seien teilweise vom Ministerium für Staatssicherheit ausgewählt worden. "Das auf diese Weise verzerrte Bild hat teilweise bei Reisekorrespondenten aus der Bundesrepublik zu einem milden Blick auf die DDR geführt", sagt er.

Ellen Thiemann beginnt nach ihrer Ausreise für den "Kölner Express" zu arbeiten. Nach dem Mauerfall thematisiert sie in ihren Artikeln immer wieder den Umgang der BRD mit DDR-Unrecht. Auch ihr eigenes Schicksal kommt in ihren Artikeln zur Sprache. Den später in Verruf geratenen und angeklagten DDR-Anwalt Wolfgang Vogel nimmt sie in den Texten in Schutz: "Mir hat Vogel geholfen" steht etwa über einem ihrer Texte vom 16. März 1992. 



Zur Erinnerung: Vier Tage vorher war der Anwalt wegen seiner Zusammenarbeit mit einem hochrangigen Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit festgenommen worden. Er wird später wegen der Erpressung vor Gericht gestellt: Über 200.000 Fälle von Ausreise willigen DDR-Bürgern gehen vor der Wende über Vogels Schreibtisch. Die Menschen verlieren im Zuge ihrer Flucht Haus und Hof; ihr Eigentum geht teilweise an DDR-Granden. Da die Übertragung von Grundstücken zu Spottpreisen im DDR-Gesetz bei Ausreise aber vorgesehen ist, spricht der Bundesgerichtshof Vogel 1998 von dem Vorwurf der Erpressung frei. 2008 stirbt er.

Thiemann schreibt später ein Buch über ihre Zeit im DDR-Frauengefängnis Hoheneck. Es ist im Herbig-Verlag erschienen und trägt den Titel:
"Stell dich mit den Schergen gut".

von Sebastian Grundke

Quelle: kress.de


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