Die DJV-Berlin Nitro-Connection

verfasst von defiance, 04.11.2015, 01:54

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09.10.2015 12:14

Filz und Vetternwirtschaft beim Journalisten-Hauptstadtverband?

Die DJV-Berlin-Nitro-Connection

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Ausriss aus der Akte von "IM Michael".

Seit Wochen reiben sich deutschlandweit Journalisten verwundert die Augen - und fragen sich, warum der DJV Berlin krampfhaft an seinem Stasi-belasteten Vorsitzenden festhält. Den Schlüssel zur Antwort liefert ein kleines Hochglanz-Magazin.

Der heutige DJV-Berlin-Vorsitzende Bernd Lammel wurde von der Stasi als "IM Michael" geführt. "IM Michael" berichtete laut Unterlagen der BStU-Behörde aus Treffen mit dem britischen Botschafter, seine Ziele waren Journalisten und Künstler, auch Fotokonzerne und der Ullstein-Bilderdienst.

Lammel erklärte am Donnerstag in einer Stellungnahme an die Mitglieder des DJV Berlin: "Ich habe niemals für das MfS gearbeitet oder mich bereit erklärt, diesem Informationen zu liefern." Der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken hat Lammel aufgefordert, sein Amt ruhen zu lassen.

Der angesehene DDR- und Stasi-Experte Jochen Staadt fordert vehement Lammels Rücktritt. Und doch halten die Gremien des DJV Berlin so eisern wie verbissen an ihrem Vorsitzenden fest.

Keine Rücktrittsforderung vom Landesvorstand, keine außerordentliche Mitgliederversammlung: das verwundert. kress.de hat nach den Gründen recherchiert - und ist dabei auf ein Dickicht fragwürdiger Verflechtungen gestoßen.

Berliner Funktionsträger: Nur Marionetten am Nitro-Faden?

Wer bei einigen Funktionsträgern des Berliner Landesverbandes genauer hinschaut, macht schnell große Augen: Immer wieder laufen Fäden bei ein und demselben Printmagazin zusammen. Das Magazin heißt "Nitro", nach eigener Bezeichnung ein "unabhängiges Magazin für Medien und Zeitgeschehen". Ein Hochglanz-Heft, rund 100 Seiten stark, Erscheinungsweise: vierteljährlich. Die herausgebende "Berliner Journalisten Verlagsgesellschaft" wirbt mit "guten Kontakten in Presse, Wirtschaft und Politik". Zur Heftauflage schreibt die Verlagsgesellschaft nichts, das Magazin ist nicht IVW-geprüft.

Die Redaktionsadresse führt zu einem Hinterhaus in der Schönhauser Allee 122 am Prenzlauer Berg, Berlin. Bei Google Street View hat jemand das gesamte Gebäude vom ersten Stock aufwärts unkenntlich machen lassen.

In der Schönhauser Alle 122 firmiert zugleich auch der DJV-Vorsitzende Bernd Lammel mit seinem Fotografenbüro. Das konnte man auf seiner Website erfahren. "Konnte" und nicht "kann", weil Lammel seine Website vor kurzem ohne Erklärung abgeschaltet hat. Die URL bernd-lammel.de leitet jetzt nur noch zu einem Foto-Dienst weiter, für den man ein Passwort braucht. Ein Impressum liefert Lammel dort nicht.
Geborgte Seriosität

Welche Gesellschaftsform die Verlagsgesellschaft "Nitro" hat, wird im Heft nicht mitgeteilt. Für das Vertrauen der Nitro-Leser sollen vertraute Gesichter sorgen: Günther Jauch, Sandra Maischberger, Marietta Slomka, Maybrit Illner - regelmäßig wirbt das Blatt mit Fotos von Medien-Promis auf dem Titel. Auch Ulrich Deppendorf, bis vor kurzem ARD-Hauptstadtstudio-Chef, hat die Redaktion schon abgelichtet. Im Wartesaal des DJV Berlin liegt Nitro meist zur kostenlosen Mitnahme aus.

Die Herausgeberin des Magazins ist Lammel mehr als nur verbunden: Sie ist seine Ehefrau, Bettina Schellong-Lammel. Schellong-Lammel ist früher als Chefredakteurin des Magazins aufgetreten.

Ehemann Bernd zeichnet laut Impressum verantwortlich für die "Bildredaktion" und liefert regelmäßig eigene Fotos für das Heft - gern auch vom eigenen Häuschen in Falkensee, gleich am Berliner Stadtrand, wo er laut branchen-info.net einen Dienst namens "Archivsysteme Falkensee" betreibt. Falkensee ist auch Lammels Geburtsort. So steht es in seiner IM-Akte.
Die "Nitro"-Website wird von einer weiteren Frau gleichen Nachnamens betreut.

Das System Lammel: ein Geflecht mit vielen Playern

Zwischen Nitro und den Gremien des DJV Berlin existiert ein Geflecht von Verbindungen, das so dicht ist, dass man eine große Werbewand bräuchte, wenn man sie alle aufmalen wollte. Ein Geflecht aus handfesten wirtschaftlichen Interessen: Maßgebliche Funktionsträger des DJV Berlin sind ins Lammel-Familienbusiness eingebunden, seit Jahren schon, in immer neuen Funktionen.

Von kress.de zu ihren Verflechtungen mit den Lammels befragt,
hat keiner der genannten Funktionsträger geantwortet.

Heide-Ulrike Wendt

Das fängt an bei der aktuellen "Nitro"-Chefredakteurin. Die heißt Heide-Ulrike Wendt. Im Berliner DJV sitzt Wendt auf dem Posten der stellvertretenden Vorsitzenden des "Fachausschusses Freie".
Wendt war, wie sie auf ihrer Website schreibt, einst Redakteurin der DDR-Blätter "Wochenpost" und "Für Dich". Im Internet präsentiert sie sich in schwarz-weiß, mit Dauerwelle und einem Erich-Honecker-Porträt hinter ihr an der Wand.

Wer wie Wendt im DJV Berlin einem Fachausschuss vorsitzt, gehört laut Vereinssatzung zum so genannten "Erweiterten Vorstand". Auch der könnte, genau wie der "engere" Vorstand, eine außerordentliche Mitgliederversammlung verlangen. Lammel wäre dann als Vorsitzender aller Voraussicht nach Geschichte. Doch weder Vorstand noch Erweiterter Vorstand haben bisher die Mitglieder abstimmen lassen - obwohl die den Verein und dessen Vorsitzenden-Bezüge mit ihren Beiträgen finanzieren.

Jens Schrader

Zum Hauptvorstand des Berliner DJV zählt Jens Schrader. Schrader ist dieser Tage ein kleiner Prominenter: Er ist Schatzmeister des Verbandes und beantwortet in dürren Zeilen Presseanfragen, die die Lammel-Affäre betreffen. Im Hauptberuf ist Schrader Geschäftsführer des PR-Unternehmens "sense:ability". Wer von Schrader eine Antwort auf eine Presseanfrage zu Lammel erhält, erhält sie von Schraders "sense:ability"-Mail-Adresse aus. Die Dienste seines Unternehmens bewirbt Schrader regelmäßig - selbstverständlich im Lammel-Magazin "Nitro". Lammel wiederum hat auf seiner zwischenzeitlich abgeschalteten Website Schraders "sense:ability" als "Partner" aufgeführt.
Astrid Sonja Fischer

Ebenfalls in mehrfacher Mission unterwegs ist Astrid Sonja Fischer. Als freie "Nitro"-Autorin schreibt Fischer unter anderem über das "Internet der Dinge". Im DJV-Landesvorstand ist sie zugleich voll stimmberechtigte Beisitzerin - und überdies auch noch "Ansprechpartnerin" des "Fachausschusses Print".

Katharina Dockhorn

Ähnlich rustikal hat Katharina Dockhorn Ehrenamt und Berufstätigkeit miteinander verbunden: Dockhorn ist gewählte Vorsitzende des "Fachausschusses Freie" im DJV-Hauptstadtverband - und zugleich, wie Fischer, als freie Autorin für "Nitro" aktiv.
Dockhorn ist eine ehemalige Redakteurin des staatlichen Fernsehens der DDR.(DFF)


Bettina Iduna Kieke

Für "Korrekturen" im Magazin ist laut "Nitro"-Website eine Frau namens Bettina Iduna Kieke zuständig. Kieke, von Beruf PR-Beraterin, hat im DJV Berlin das Vorsitzenden-Amt im Aufnahmeausschuss inne und entscheidet mit, wer in den Verband darf und wer nicht. Mit den vielen unterschiedlichen Funktionen ihrer Mitarbeiter kommen die Lammels offenbar schon mal durcheinander: Nur einen Klick weiter, unter "Redaktion", wird Bettina Iduna Kieke als "Redaktionsleiterin" geführt - nur ohne zweiten Vornamen, als "Bettina Kieke". Kieke selbst gibt im Internet an, dass sie "seit 2004" bei "Nitro" sei - ein "Gründungsmitglied", "mit wechselnden Aufgabenbereichen (Redaktionsleitung, Korrektorat, Autorin, Web-2.0 u. a.)".

"Berliner Journalisten"

"Nitro" selbst ist ein Relaunch eines Magazins mit dem schlichten Titel "Berliner Journalisten". Der Schriftzug "Berliner Journalisten" ist bis heute auf dem Heftrand jedes aktuellen "Nitro"-Titels aufgedruckt.

Gegründet wurde "Berliner Journalisten" laut Wikipedia "als Kollegenprojekt vom Fotografen Bernd Lammel, seiner Frau Bettina Schellong-Lammel ("Bild der Frau", "Frau im Trend";), dem Journalisten, Buchautor und Blogger Burkhard Schröder ( BURKS) und der Diplomjournalistin und PR-Beraterin Bettina-Iduna Kieke." Erstaunlich detailverliebt notiert das Online-Lexikon: "Zunächst fungierten Kieke als Chefredakteurin, Lammel als Fotochef, Schellong-Lammel als Herausgeberin und Schröder als Chefreporter. Später waren Kieke und Schröder gemeinsam Chefredakteure, dann Schröder allein, und Kieke fungierte als Redaktionsleiterin." So oft die Positionen auch in schwindelerregender Weise wechseln: Die Namen bleiben immer dieselben.


Burkhard Schröder

Der Blogger Burkhard Schröder bestätigt Angaben aus dem Wikipedia-Artikel: Er wirbt auf seiner Website mit seiner früheren Tätigkeit als Chefredakteur der "Berliner Journalisten". Im DJV Berlin fungiert er als stellvertretender Vorsitzende des "Fachausschusses Online". Schröder betont seine Arbeit "in der maoistischen KPD" in jungen Jahren. Im Zusammenhang mit der Stasi-Debatte bezeichnet er "IM Michael" alias Bernd Lammel als "anständig".

Nitro hat er auf seiner Website verlinkt.

Anzeigen in "Nitro"

Und der DJV Berlin als Ganzes? Er schaltet regelmäßig Anzeigen
in "Nitro" - zu bewundern direkt unter dem Heft-Impressum.

"Ein Verein muss nicht basisdemokratisch sein"

So schlicht die DJV-Berlin-Nitro-Connection gestrickt ist, so schwer scheint es, formal dagegen vorzugehen. "In der Sache ist das vielleicht anrüchig", bewertet der auf Vereinsrecht spezialisierte Münchner Anwalt Roland P. Weber das Verbindungsdickicht. Doch auf dem Rechtsweg könnten frustrierte Mitglieder dagegen nicht angehen. "Juristisch hat das keine Folgen", so Weber zu kress.de. Denn: "Gewählt ist gewählt."

Die einzige Möglichkeit zur Veränderung, so Weber, besteht darin, den betroffenen Vorstandsmitgliedern bei der nächsten Wahl die Stimme zu verweigern: "Das ist wie in der Politik. Wenn ein Minister nichts taugt, dann wird er gefeuert." Ein Verein, so Weber, sollte zwar eigentlich eine basisdemokratische Sache sein. Doch ein Vereinsvorstand müsse sich an diesen Grundsatz nicht halten.

Lammel-Expansion nach Ostdeutschland gestoppt

Vorerst gestoppt sein dürfte lediglich Lammels Versuch, sein Imperium weit über Berlin auszudehnen. DJV-Bundesverbandssprecher Hendrik Zörner bestätigte gegenüber kress.de Informationen aus Sachsen und Thüringen, denen zufolge Lammel versucht hat, "Nitro" zur offiziellen und damit von den Mitgliedern zu bezahlenden Zeitschrift der ostdeutschen DJV-Landesverbände zu machen. "Es gab diesen Versuch, das haben wir beobachtet", sagt Zörner. Bewerten wolle der Bundesvorstand dies nicht, da der Vorstoß am Ende ohne Folgen geblieben sei. Das Vorhaben sei am Widerstand verschiedener Landesverbände gescheitert, berichten Kenner der Vorgänge.

Empörung unter Mitgliedern wächst

Mittlerweile wächst die Empörung unter den einfachen Mitgliedern täglich.
"Ich bin also in einem Journalistenverband, in dem Mitglieder für die
#Stasi gespitzelt haben.

Traurig!", twitterte "Cicero"-Medienkolumnistin Petra Sorge.

Als "Betonkopf" bezeichneten die Kollegen von "Bild Investigativ"
Lammel - und twitterten: "#StasiNotWelcome".

Die "Bild"-Reporter hatten zuvor schon Auszüge aus
Lammels Stasi-Akte bei Twitter veröffentlicht.

von Bülend Ürük, Mitarbeit: Volker Warkentin

Quelle: kress.de

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