"Belege sind zureichend, zu dem Betroffenen IMS "Michael"

verfasst von defiance, 03.11.2015, 20:30

[image]

03.11.2015 14:34

"Belege sind zureichend, in dem Betroffenen IMS "Michael" zu sehen"

[image]
Stasi-Forscher Helmut Müller-Enbergs:

"Belege sind zureichend, in dem Betroffenen IMS "Michael" zu sehen"
Helmut Müller-Enbergs zählt zu den führenden deutschen Stasi-Experten.
Er entdeckte, dass der Todesschütze von Benno Ohnesorg, Karl-Heinz Kurras,
ein Stasi-IM war. Müller-Enbergs ist Professor in Dänemark und spezialisiert
auf die West-Spionage der Stasi.

Foto: Archiv

Helmut Müller-Enbergs ist Autor des Standardwerks "MfS-Handbuch - Der inoffizielle Mitarbeiter".
Der promovierte Politologe hat für KRESS die Stasi-Akte des "IM Michael" analysiert:
"Nach Sichtung der Unterlagen komme ich zu dem Schluss, dass die Belege in den
bislang aufgefundenen Materialien zureichend sind, in dem Betroffenen
IMS "Michael" zu sehen".Der Vorsitzende des DJV Berlin, Bernd Lammel, war "IM Michael".

Der Deutsche Journalisten-Verband hat sich heute einstimmig für eine Aufarbeitung der
Stasi-Verstrickungen von Journalistinnen und Journalisten in Ost und West ausgesprochen.

Der DJV-Verbandstag verabschiedete heute in Fulda einen entsprechenden Antrag.
Darin wird der neue DJV-Bundesvorstand aufgefordert, "die Verstrickungen von
Journalistinnen und Journalisten in Ost und West in die Machenschaften des
Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (STASI) in Zusammenarbeit mit
zuständigen Einrichtungen zu prüfen und deren unabhängige und
wissenschaftliche Aufarbeitung anzustoßen", wie es wörtlich heißt.

Damit klar ist, dass es sich bei der Berichterstattung von kress.de
um keine Form der Verdachtsberichterstattung handelt und auch der
Vorstand des DJV Berlin mit der Mail an seine Mitglieder die Falschen,
nämlich die Journalisten, die fair berichten, kritisiert, dokumentieren
wir hier die Analyse von Helmut Müller-Enbergs im Original.
Bülend Ürük, Chefredakteur

"IMS Michael"

In meiner Eigenschaft als Professor an der Syddansk Universitet habe
ich mir Unterlagen zum Vorgang IMS "Michael" angesehen und gelange
zu Schlussfolgerungen:

1. Die Personal- und Arbeitsakte des IMS "Michael" scheint bislang nicht aufgefunden worden zu sein. Das erscheint nach bisherigen Erfahrungen lediglich eine Frage der Zeit zu sein, da diese ausweislich der vorliegenden Unterlagen bis zuletzt geführt wurde; sich diese also voraussichtlich noch in den unsortierten Ablagen (teils Säcken) befinden wird. Dass es eine Personal- und Arbeitsakte gab, erschließt sich aus dem Vorgangsheft des Vorgangsführers wie auch aus einer der beiden Karteikarten. Im Übrigen handelt es sich bei den bislang vorliegenden Unterlagen um eine Zusammenstellung von Materialien, die überwiegend auch in der Akte des IMS "Michael" abgelegt worden sein werden, aber offenbar darüber hinaus innerhalb des MfS zur Kenntnis gebracht worden sind, und somit schon gegenwärtig zugriffsfähig sind.

2. Offenkundig - wie aus einer der beiden Karteikarten hervorgeht - wurde der Betreffende 1984 eben in der internen Kartei verzeichnet. Ebenso offenkundig bestand ab dem Jahre 1984 die Absicht, den Betreffenden als Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) des MfS zu werben. Diese Absicht erschließt sich aus dem Hinweis, dass zunächst zu ihm eine Vorlaufakte (V) angelegt wurde, die MfS-intern als VIM bzw. als Vorlauf-IM ausgewiesen wird. In dieser Phase weiß regelmäßig lediglich das MfS von seiner Absicht, eine Person als IM werben zu wollen; der Betreffende wusste bis zu seiner Werbung ebenso regelmäßig nichts davon. Dass sich bei ihm daran etwas geändert haben wird, erschließt sich daraus, dass der Hinweis auf "Vorlauf" später gestrichen, statt dessen IM vermerkt worden ist. Zweifelsfrei typisch.

3. Einen Hinweis, den Betreffenden als "Informellen Mitarbeiter" zu werben, erschließt sich aus den vorliegenden Unterlagen nicht. Das ist auch nicht wahrscheinlich, da es diese Bezeichnung nicht beim MfS gab. Folglich können auch keine "Informellen Mitarbeiter" ohne deren Wissen geführt worden sein. In kaum einem Dutzend von gut 624.000 Fällen verzeichnete das MfS Personen als IM, ohne dass es zu einer tatsächlichen Kooperation gekommen ist. Diese Norm abweichenden Fälle flogen nach einiger Zeit auf und hatten berufliche Konsequenzen für die Vorgangsführer; diese kamen in den 1980er Jahren bekanntlich nicht mehr vor, da die internen Kontrollmechanismen zu engmaschig waren. Solche Täuschungsversuche weisen in allen bekannten Fällen signifikante Merkmale auf (wie etwa abstrakte Stimmungs-, kaum Personen bezogene Berichte). Keines dieser bekannten Merkmale können bei den zu IMS "Michael" angelegten Unterlagen festgestellt werden. Insoweit ist mit denkbar großer Wahrscheinlichkeit auszuschließen, dass es sich bei IMS "Michael" um einen fiktiven Vorgang handelt. Dagegen spricht einiges, unter anderem, dass dieser IMS in Planungen mehrere Struktureinheiten eingebunden war, was unmittelbar das Aufplatzen eines Täuschungsvorganges zur Folge hätte haben können. Im Übrigen fehlt es bislang an Belegen für die Behauptung, dass es beim MfS Planerfüllungen bei IM-Werbungen gegeben haben soll. Es gab Pläne, die mal aufgingen, mal nicht; im Übrigen stets ohne Konsequenzen.

4. Offenkundig kannte IMS "Michael" ab 1988 den Bezugspartner beim MfS, da fortan personenbezogene Sachverhalte dokumentiert sind, die für den Vorgangsführer seinen Ursprung in ihm haben. Dabei ist unerheblich, ob noch andere gleichfalls Kenntnis von den Sachverhalten selbst hatten. Für den Vorgangsführer stammen diese Angaben von ihm - unbeschadet überdies davon, ob diese zutreffend sind oder nicht.

5. IMS heißt im Übrigen Inoffizieller Mitarbeiter zur Durchdringung und Sicherung des Verantwortungsbereiches. Die für Spionageabwehr zuständige Diensteinheit HA II (Hauptabteilung), Abteilung 9, Referat 1, für die dieser IMS verzeichnet ist, war für die Durchdringung und Sicherung bestimmter britischer Einrichtungen zuständig. Das IMS "Michael" für diese Diensteinheit erfasst war, geht schlüssig aus vorliegenden Unterlagen hervor; und deckt sich auch mit dem Inhalt der dokumentierten Sachverhalte selbst. Streuware anderer Couleur gehört in der operativen Landschaft im Übrigen dazu.

6. Den von Ihnen überlassenen Auszug habe ich mir angesehen. Die Ausführungen sind eine Mischung aus banalen Tatsachenfeststellungen und unbelegten Behauptungen. Ich bin nur Wissenschaftler und meine Expertise lehrt mich, mit Erklärungen wie, es gebe keine Verpflichtungserklärung noch von ihm gefertigte Berichte, oder es gäbe keine IM-Akte zu ihm, behutsamer umzugehen. Zumal es nicht zwingend einer Verpflichtungserklärung schriftlicher Natur bedurfte, geschweige, dass 1988/89 in jedem Fall von ihm gefertigte Berichte abverlangt worden sein müssen. Vielmehr genügte allein die Information selbst, da es sich bekanntlich beim MfS auch um einen Nachrichtendienst handelte, den wesentlich die Information zur Beherrschung einer Sicherheitslage in einem bestimmten Bereich interessierte. Und das MfS hatte es angesichts der doch vielfach hilfreichen Hände nicht nötig, sich der Mehrarbeit auszusetzen, fiktive Unterlagen zu schaffen. Das im Übrigen gänzlich unbeschadet des informatorischen, mitunter wahrnehmungsselektiven Inhalts.

7. Es ist im Übrigen unüblich, dass eine Person das MfS in einer konspirativen Wohnung das MfS traf - wie IMS "Michael" -, ohne dass der Wohnung Aufsuchende über den Bezugspartner einen zureichenden Aufschluss gewonnen hat. Zumal es sich bei der konkreten Wohnung um eine solche handelte, wo sich auch wertige IM aufgehalten haben. Meiner Erfahrung nach kann hier auch in diesem Fall Fiktionalität ausgeschlossen werden.

8. Nach Sichtung der Unterlagen komme ich zu dem Schluss, dass die Belege in den bislang aufgefundenen Materialien zureichend sind, in dem Betroffenen IMS "Michael" zu sehen. Meine Erfahrung lehrte mich, dass jene, die sich öffentlich präziser erinnern und sich dahin gehend auch erklären, auf größere Akzeptanz stoßen als jene, die eine andere Variante wählen. Zumal das Risiko vorhanden ist, durch bestimmte Erklärungen bereits Festlegungen getroffen zu haben, die dann durch später aufgefundene Unterlagen widerlegt werden.

9. Nach der eidesstattlichen Versicherung war ihm bewusst, dass er mit Personen, die für das MfS arbeiten, Gespräche führt. Er räumt ein, diesen Informationen gegeben zu haben. Wenn ich den Gesetzgeber mit seiner Legaldefinition des inoffiziellen Mitarbeiters des MfS richtig deute, hat er durch die Bereitschaft, eben an Personen des MfS Informationen zu liefern, die Merkmale erfüllt, ihn als IM des MfS bezeichnen zu können.

10. Daran ändert nichts, dass ihm die Bezeichnung IM unbekannt war.
Der Hinweis auf einen Vorlauf-IM ist getilgt worden, stattdessen IM
bzw. IMS in den Unterlagen ausgewiesen worden, also umregistriert
zum IM.

11. IM und IMS lässt sich so verstehen: IM ist der Oberbegriff, IMS die Spezifikation. Ein Analogon wäre Haus (IM) zu Bungalow (IMS). Details in einer Publikation von mir mit dem Titel: Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Teil 1: Richtlinien und Durchführungsbestimmungen. Berlin 1996, S.63-65.

12. Ein britischer Staatsbürger, der als "Operatives Ausgangsmaterial" "Pluto" tituliert wurde, soll ausweislich der Unterlagen gegenüber IMS "Michael" am 16. Oktober 1989 die Bereitschaft signalisiert haben, eine Großbriefsendung nach West-Berlin zu befördern. Angenommen, der Sachverhalt ist zutreffend, würde ich schlussfolgern, dass offenkundig ein Vier-Augen-Gespräch zwischen einem IM und einer Zielperson stattgefunden hat, über dessen Inhalt zumindest teilweise das MfS am Folgetag Kenntnis hatte. "Pluto" ist nicht als IM, sondern lediglich als möglicherweise relevante Zielperson (OAM) ausgewiesen, während "Michael" als IMS/IM firmiert. Meine Annahme lautet, dass einer von beiden das MfS dahingehend unterrichtet haben wird; dass dies "Pluto" gewesen sein könnte, erscheint mir wenig wahrscheinlich.

Helmut Müller-Enbergs

Quelle: kress.de

*²³²

antworten
 

gesamter Thread: